B21F6BB4-1C5E-4341-9402-72115F03EA26 28. August 2025

Das Vibe-Coding-Dilemma: Warum KI-Code allein keine Lösung ist

Unsere Mini-Serie „AI @work“ hat gezeigt, wie künstliche Intelligenz unsere Arbeit, Kreativität und digitalen Strukturen prägt. Mit diesem Sonderbeitrag erweitern wir den Blick – hin zu einer Entwicklung, die Programmieren für alle zugänglich macht, aber auch neue Risiken birgt: Vibe Coding

Wir beleuchten, warum „Hauptsache es läuft“ nicht immer die beste Devise ist – und wo der Mittelweg zwischen Geschwindigkeit und Verantwortung liegt.

Vibe Coding: Wenn jeder zum Entwickler wird

„Hauptsache es läuft“ ist das neue Credo einer Generation, die mit KI-Tools aufwächst. ChatGPT Codex, Claude Code und GitHub Copilot haben eine Demokratisierung des Programmierens eingeleitet: Wo früher jahrelange Ausbildung nötig war, genügt heute ein präziser Prompt.

Vibe Coding beschreibt genau dieses Phänomen – Code wird nach Gefühl geschrieben, ohne tieferes Verständnis für Architektur, Skalierbarkeit oder Wartbarkeit. Der Fokus liegt ausschließlich darauf, dass das Programm das gewünschte Ergebnis liefert. Wie es das macht, ist zweitrangig.

Die Verlockung ist verständlich. Marketing-Teams erstellen eigene Analytics-Tools, HR-Abteilungen bauen Bewerbermanagementsysteme, Vertriebsteams entwickeln CRM-Erweiterungen. Die IT-Abhängigkeit scheint zu schwinden.

Doch dieser vermeintliche Fortschritt birgt Risiken, die erst sichtbar werden, wenn es zu spät ist.

Die Illusion der einfachen Lösung

Gut zu wissen

Eine Roadmap zeigt den geplanten Entwicklungsweg eines Softwareprojekts. Sie definiert Ziele, Prioritäten und Zeitrahmen für die Projektlaufzeit. Die Roadmap legt fest, welche Features wann entwickelt werden und welche Meilensteine erreicht werden müssen.

Vibe Coding lebt von einer fundamentalen Verwechslung: der Gleichsetzung von „funktioniert“ mit „ist gut“. Ein Code-Snippet, das heute die gewünschte Ausgabe produziert, ist nicht automatisch eine nachhaltige Lösung. Das Architektur-Verständnis fehlt oft vollständig. Vibe Coder sehen nicht, dass ihr „funktionierender“ Code:

  • Sicherheitslücken öffnet
  • Bei steigenden Nutzerzahlen exponentiell langsamer wird
  • Keine Fehlerbehandlung besitzt
  • Nicht dokumentiert oder testbar ist
  • Mit zukünftigen Systemupdates inkompatibel wird
     

Die Enterpise Java (Anmk. Java ist eine Programmiersprache) Community „TheServerSide“ warnt: „Future developers tasked to maintain vibe-coded projects will inherit a black box with no clear design, minimal comments and logic built through random regeneration. Fixing or expanding this code will be a nightmare, and eventually the only feasible option will be to rewrite it all from scratch – erasing all those initial ‚savings’ of vibe coding.“

Die Roadmap-Falle schnappt zu, wenn aus dem schnellen Hack plötzlich eine kritische Geschäftsanwendung wird. Ein Entwickler berichtet: „KI beginnt Fehler zu machen, und schlimmer noch, sie wiederholt Fehler in einem endlosen Kreislauf aus Fehlerbehebung und der Entstehung neuer Probleme. Irgendwann wird das Debuggen von KI-generiertem Code arbeitsintensiver als das manuelle Schreiben des Codes.

Unternehmen stehen dann vor der Wahl: Den fragilen Code weiterbetreiben oder komplett neu entwickeln. Beides kostet Zeit und Geld, die hätten gespart werden können. Dabei handelt es sich darüber hinaus auch um ein bekanntes Phänomen. Die undokumentierte Erweiterung in SAP, die Programmiersprache, die nur ein Entwickler kennt – welcher bereits vor 5 Jahren in den Ruhestand verabschiedet wurde oder die Behördensoftware ohne jegliche Schnittstelle. In Deutschland gibt es viele solcher Software-Baustellen, deren Behebung viel Zeit und Geld in Anspruch nehmen wird.

Vom Pretty Prototype Dilemma zum Ugly Code Problem

Gut zu wissen

Ein CLI (Command Line Interface) ist eine textbasierte Benutzeroberfläche zur Steuerung von Software und Betriebssystemen. Entwickler geben Befehle über die Tastatur ein, statt Buttons zu klicken. Die CLI ermöglicht schnelle, präzise Aktionen und Automatisierung durch Skripte. Sie verbraucht weniger Ressourcen als grafische Oberflächen und bietet direkten Zugriff auf Systemfunktionen.

SQL (Structured Query Language) ist eine Sprache zur Verwaltung von Datenbanken. Entwickler nutzen SQL, um Daten zu speichern, zu suchen, zu ändern und zu löschen. Die Sprache funktioniert mit fast allen Datenbanksystemen wie MySQL, PostgreSQL oder SQLite. SQL-Befehle sind standardisiert und ermöglichen komplexe Abfragen durch einfache, lesbare Anweisungen.

Unser vorheriger Artikel über Imperfektion beschrieb das „Pretty Prototype Dilemma“ – die Tendenz, Prototypen zu lange zu perfektionieren, statt sie schnell zu testen. Vibe Coding stellt das gegenteilige Extrem dar: Code wird so schnell und oberflächlich erstellt, dass fundamentale Qualitätsstandards vernachlässigt werden.

Wenn beim Pretty Prototype Dilemma die Perfektion lähmte, ist es nun die Geschwindigkeit, die blind macht.

Die Konsequenzen zeigen sich in dokumentierten Fällen. Google Geminis CLI-Tool löschte versehentlich Nutzerdaten, weil ein KI-generiertes Skript falsche Löschbefehle ausführte. Der Code hatte oberflächlich funktioniert, aber die Fehlerbehandlung war unzureichend.

Dramatischer noch der Fall von Replit: Der Vibe-Coding-Dienst löschte eine komplette Produktionsdatenbank, weil die KI fehlerhafte SQL-Befehle generierte. Die Nutzer verstanden den Code nicht und vertrauten blindlings der KI – die auf Plausibilität, nicht auf Korrektheit programmiert ist.

Eine Grenze verschwindet

Prototyp oder Produkt

Die gefährlichste Entwicklung von Vibe Coding liegt in der Verwischung der Grenzen zwischen Prototyp und Produktivsystem. Was als schneller Test beginnt, wird schleichend zur geschäftskritischen Anwendung.

Vibe-Code läuft oft auf:

  • Entwickler-Laptops statt Servern
  • Kostenlosen Cloud-Accounts mit Limits
  • Ungesicherten Datenverbindungen
  • Persönlichen API-Keys ohne Backup

Wenn diese „Prototypen“ kritisch werden, entsteht ein Teufelskreis: Das System darf nicht ausfallen, aber niemand kann es warten oder erweitern. Jede Änderung wird zum Risiko.

Die Kostenfalle ist perfekt: Ein System, das ursprünglich "kostenlos" war, erfordert plötzlich teure Infrastruktur, Sicherheitsaudits und Neuentwicklung. Die eingesparte IT-Zeit wird um ein Vielfaches überkompensiert.

Der Mittelweg

KI als Werkzeug, nicht als Ersatz

Gut zu wissen

Eine API (Application Programming Interface) ist eine Schnittstelle zwischen verschiedenen Softwareanwendungen. Sie definiert, wie Programme miteinander kommunizieren und Daten austauschen. APIs ermöglichen es Entwicklern, fremde Services und Funktionen in ihre eigenen Anwendungen zu integrieren, ohne den kompletten Code zu kennen. Sie funktionieren wie standardisierte Verträge zwischen Softwarekomponenten.

Vibe Coding ist nicht grundsätzlich schlecht – es kommt auf den Kontext an. Für echte Prototypen, einmalige Datenanalysen oder Lernprojekte kann der "Hauptsache es läuft"-Ansatz durchaus sinnvoll sein.

 

Die Erfolgsgeschichten: Wenn Vibe Coding funktioniert

Trotz aller Risiken gibt es durchaus positive Beispiele für gelungenes Vibe Coding. Unternehmen nutzen KI-generierte Skripte erfolgreich für interne Automatisierungen – von der Datenaufbereitung bis zur Report-Generierung. Marketing-Teams erstellen mit KI-Hilfe Tools für A/B-Tests, die monatelange Entwicklungszyklen auf Tage verkürzen.

Der Schlüssel liegt in der bewussten Begrenzung: Diese Tools bleiben in ihrem ursprünglichen Kontext, werden dokumentiert und regelmäßig überprüft. Oft entstehen aus solchen Experimenten wertvolle Erkenntnisse für professionelle Entwicklungsprojekte.

Besonders wertvoll ist Vibe Coding beim Lernen: Entwickler und Nicht-Entwickler experimentieren mit neuen Technologien, verstehen APIs und erkunden Möglichkeiten. Diese spielerische Herangehensweise senkt Hemmschwellen und fördert Innovation – solange die Grenzen klar definiert bleiben.

Problematisch wird es, wenn:

  • Der Code in Production läuft
  • Andere darauf angewiesen sind
  • Daten verarbeitet werden
  • Das Tool skalieren muss

Die Lösung liegt nicht in der Verbannung von KI-Tools, sondern in der bewussten Unterscheidung zwischen schnellem Prototyping und nachhaltiger Softwareentwicklung. 

Unternehmen brauchen klare Regeln, etwa in Form von Guidelines und Checklisten zum Thema Vibe Coding: Welche Tools dürfen von Nicht-Entwicklern erstellt werden? Wann muss die IT einbezogen werden? Wie werden aus Prototypen echte Produkte?

Fazit

Die neue Verantwortung

Das Vibe-Coding-Dilemma zeigt: Nach dem Zeitalter der Überperfektion droht nun das Zeitalter der Unterperfektion. Beide Extreme führen in die Irre.

KI-Tools haben das Programmieren demokratisiert – aber nicht die Verantwortung für nachhaltigen Code abgeschafft. Im Gegenteil: Sie haben sie auf mehr Schultern verteilt.

Die Herausforderung der Zukunft liegt nicht darin, Vibe Coding zu verhindern, sondern ihm die richtigen Grenzen zu setzen. Denn zwischen „perfekt oder gar nicht“ und „Hauptsache es läuft“ gibt es einen dritten Weg: bewusst unperfekt, aber verantwortungsvoll.

 

Medieninhalte in diesem Blogbeitrag wurden mithilfe von KI erstellt.

Claude Code: Deep coding at terminal velocity \ Anthropic. (o. J.). Anthropic.com. Abgerufen 8. August 2025, von www.anthropic.com/claude-code

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GitHub Copilot · Your AI pair programmer. (o. J.).

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Ong, H. (2025, Juli 28). Google Gemini deletes user code, apologizes for ‘complete and catastrophic’ failure. DMR News. digitalmarketreports.com/news/44265/google-gemini-deletes-user-code-apologizes-for-complete-and-catastrophic-failure/

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Sharwood, S. (2025, Juli 21). Vibe coding service Replit deleted user’s production database, faked data, told fibs galore. The Register. www.theregister.com/2025/07/21/replit_saastr_vibe_coding_incident/